Perspektiven wechseln: „CARMEN“ hautnah

Eine junges, mittelloses Mädchen, ein reicher, wohlbetuchter Mann, verbunden durch eine verbotene Liebe und lodernde Leidenschaft, getrennt durch den Hohn und Spott der Gesellschaft.
Perfekt vereint durch Schauspiel und Musik, spiegeln sich solch dramatische Liebesgeschichten, auf der Opernbühne wider. Und obwohl die meisten Stücke vor über 100 Jahren geschrieben wurden, sind sie doch zeitlos und ziehen das Publikum heute wie damals in ihren Bann.

Auch für mich hat die Oper etwas Magisches und so kann ich mich noch lebhaft an meinen ersten Opernbesuch , „Hänsel und Gretel“ von Engelbert Humperdinck, im zarten Alter von fünf Jahren erinnern:
Die große Steintreppe, die dunkelroten Klappsitze, Frauen in bodenlangen Abendkleidern, ein schwere Parfümduft, das Rascheln und Raunen bevor der Vorhang aufgeht.
Aus einem einfachen Märchen entstand auf der Bühne eine ganz neue Geschichte: dramatischer, realer und wirkungsvoller. Die Musik zog mich in eine andere Welt und ich wünschte mir nichts sehnlicher als selbst auf dieser Bühne stehen zu dürfen um ein Teil dieser Welt zu werden.
Bis heute hat die Oper diese Magie für mich nicht verloren.
Natürlich bebt nicht jede Geschichte so wirkungsvoll nach, und so driftet man manchmal gedanklich etwas ab, wenn Violetta („La Traviata“) nach einer dreiviertelstunde Sterbeszene immer noch steht oder Wagners „Rheingold“ einfach kein Ende finden will!

Aber was passiert eigentlich hinter der Bühne, wenn das Publikum eine perfekte Inszenierung serviert bekommt? Vor einiger Zeit bekam ich die Möglichkeit genau das heraus zu finden und so sah ich mir George Bizets „Carmen“ nicht vom Parkett, sondern vom Platz des Inspizienten in der Münchner Staatsoper an!:

 ©Bayerische Staatsoper (Wilfried Hösl)

©Bayerische Staatsoper (Wilfried Hösl) Solisten, Chor, Kinderchor und Statisterie der Bayerischen Staatsoper

Gut eine Stunde vor Vorstellungsbeginn betrete ich vom Darstellereingang das Operngebäude.
An der Pforte werde ich von der Inspizientin, welcher ich heute über die Schulter schauen darf, in Empfang genommen und auf die Bühne geführt.
Alleine hätte ich den Weg durch die „Katakomben“ des riesigen Opernhauses bestimmt nicht gefunden. Dessen Dimension wird mir erst durch einen kleinen Rundgang bewusst. Hinter der, für die Zuschauer sichtbaren Bühne, befinden sich mehrere riesige Hallen, in denen sich Bühnenbilder und Baumaterial stapeln und welche Platz für mindestens zehn LKWs bieten würden! In der Unterwelt der Bühne irre ich durch  ein Labyrinth aus Metallgerüsten, beweglichen Bühnenteilen, Treppen und Aufzügen, unglaublich das sich hier alle problemlos zurecht finden. Zurück auf der oberen Bühne und kurz vor Aufführungsbeginn, erwartet mich bereits ein reges Treiben aus halb-kostümierten Kindern, Solisten und Bühnentechnikern. Bis zur letzten Minute werden nochmals einige Szenen geprobt, bis auch wirklich jedes Kind auf seinem Platz steht und die Soldaten anmutig genug den Weg entlang marschieren. Die Inspizientin teilt mir mit, dass solch eine Hektik nicht die Regel ist, ich empfinde das treiben jedoch als relativ entspannt, habe ich mit viel mehr Aufregung und Chaos gerechnet.
Schnell werden noch ein paar Kostümkorrekturen vorgenommen, in Ruhe Gummibärchen gegessen, Gespräche geführt und „ Toi Toi Tois“ zugerufen. Während der Vorhang aufgeht schlendert Carmen ganz entspannt hinter der Bühne umher, nur ein paar Sekunden vor ihrem ersten Auftritt.  Die einzige die hier nervös zu sein scheint bin ich!
Schließlich betritt der Dirigent den Orchestergraben, die Musik setzt ein und der Vorhang öffnet sich. Alles scheint nach Plan zu verlaufen.

Nach der Ouvertüre und den ersten Aufgängen beginne ich gespannt der Arbeit der Inspizientin zu folgen. Von ihrem Pult aus hat diese durch mehrere Monitore einen Blick auf den Dirigenten und die Bühne. Durch unzählige Knöpfe und Schalter sowie einem kleinen Mikrofon, wird jeder Darsteller persönlich auf die Bühne gebeten und angesagt. Eine Aufgabe die viel Koordination und Ruhe bedarf. Nebenbei muss zudem die Partitur mitgelesen werden, damit niemand seinen Einsatz verpasst. Aufmerksam wird von Regie und Inspizienz der Ablauf auf der Bühne studiert. Den gut geschulten Augen entgeht nicht der kleinste Makel und so wird eine zu kurz geratene Jacke oder ein fehlender Fels im Bühnenbild nicht übersehen!

©Bayerische Staatsoper (Wilfried Hösl)

©Bayerische Staatsoper (Wilfried Hösl) Chor und Statisterie der Bayerischen Staatsoper

Carmen

©Bayerische Staatsoper (Wilfried Hösl) Ildebrando D’Arcangelo (Escamillo)

Während ich stramm auf der kleinen Holzbank sitze, nur knapp zwei Meter vom Geschehen entfernt, wird neben mir laut erzählt und gelacht. Hektik entsteht nur in den kurzen Umbaupausen, in denen die Techniker innerhalb kürzester Zeit ein komplett neues Bühnenbild arrangieren.
Nachdem „Don José“ seinen ersten Auftritt hinter sich gebracht hat, setzt er sich mit seinem Wasserglas neben mich, grinst mich an und beginnt gutgelaunt los zu plaudern, das nenne ich Kultur hautnah erleben! Der Chor hat seinen zweiten Auftritt und während ich die schönen Kostüme mustere, erkenne ich unter den Sängern glatt einen Hochschuldozenten, der kurz darauf auf mich zukommt und mich fragt was ich hier so treibe.
In der Pause ziehen sich Sänger und Tänzer in Ihre Umkleiden zurück und ich widme mich den Bühnentechnikern, die mit einigem Kraftaufwand riesige Styroporfelsen auf die Bühne hieven.
Zu guter Letzt wird „Don José“ auf die Bühne zitiert um auf einem der Felsen eine „Klettertour“ mit Säbelkampf zu proben. Nachdem er fast rücklings von der Felsenattrappe fällt, bin ich doch sehr beruhigt als das Duell in der zweiten Hälfte der Inszenierung ohne Komplikationen vonstattengeht!

©Bayerische Staatsoper (Wilfried Hösl)

©Bayerische Staatsoper (Wilfried Hösl) Genia Kühmeier (Micaela)

©Bayerische Staatsoper (Wilfried Hösl)

©Bayerische Staatsoper (Wilfried Hösl) Jonas Kaufmann (Don José), Ildebrando D’Arcangelo (Escamillo)

Obwohl mein seitlicher Blick auf die Bühnen nicht alles erkennen lässt, erlebe ich trotzdem einen magischen „Gänsehaut-Moment“. „Carmen“ und „Don José“ singen ihr wunderschönes Duett und ich sitze nur zwei Meter daneben und höre und sehe alles noch viel klarer und deutlicher als die meisten Zuschauer! Die zwei Solisten verlassen die Bühne, stellen sich knapp neben mich und ich schmelze vor Bewunderung dahin ­­- was ein Privileg!

©Bayerische Staatsoper (Wilfried Hösl)

©Bayerische Staatsoper (Wilfried Hösl) Elina Garanca (Carmen), Ildebrando DArcangelo (Escamillo), Chor und Statisterie

Das Finale naht und schließlich ersticht „Don José“ seine „Carmen“, mit welcher er sich hinter der Bühne eben noch prächtig verstanden hat. Die Darsteller werden mit tosendem Applaus belohnt und kurz nachdem der letzte Vorhang fällt, packen alle ihre Sachen und verabschieden sich auf morgen.

©Bayerische Staatsoper (Wilfried Hösl)

©Bayerische Staatsoper (Wilfried Hösl) Jonas Kaufmann (Don José), Elina Garanca (Carmen)

Überrascht von dem abrupten Ende, mache auch ich mich bereit zum Aufbruch, da kommt Carmen noch einmal mit ihrer Begleitung auf die Bühne und schießt mit ihrem Smartphone schnell ein „Selfie“!

Ich möchte mich ganz herzlich für diese einmalige und tolle Erfahrung bedanken!
Die Perspektive zu wechseln und das Geschehen auf und hinter der Bühne aus ganz neuen Blickwinkeln zu betrachten, war ein echtes Privileg!
Bei meinem nächsten Opernbesuch werde ich das Treiben auf der Bühne vermutlich viel genauer inspizieren, mit dem Wissen, dass die Künstler ziemlich „normal“ sind!

Theresa

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